Martin Wiebel (Autor/en)

East Side Story

UPPER WEST SIDE.
Genau wie die Upper East Side von New York ist das Quartier Rudolfplatz, dieses Ausnahme-Viertel von Berlin-Friedrichshain, kein Viertel mit einem Begriff, nicht wie Montmartre in Paris, Greenwich Village in New York oder Pöseldorf in Hamburg, die gleich ihren Mythos, zumindest eine Legende mit einer Ansicht aus Erinnerung und Phantasie in Erinnerung rufen.

Eine Berliner UPPER EAST SIDE
Ein Berliner UPPER EAST SIDE ist das Viertel am oberen Spreelauf im Osten der Stadt zwischen Brücken gelegen, von denen eine, die Oberbaumbrücke noch dazu die schönste von allen in Berlin ist, am Osthafen, an den Verkehrsnetzen der U- und S-Bahnhöfe Warschauer Strasse. Heute mehr als in den ersten fünfzig Jahren des 20.Jahrhundertes verletzt von seiner Geschichte durch Krieg und Nachkrieg, durch Zerstörung und Wiederaufbau, der seinerseits alte gewachsene Strukturen beseitigte, versammelt es die dichteste Ansammlung von Baudenkmälern in Berlin in einem Stadtteil.Heute zeigt das Quartier eine Zeitreise-Architektur, ungleichmäßige Mietshaus-Bebauung aus restaurierten Altbauten von Max Koch aus den Anfängen des Jahrhunderts neben Q3A-Bauten aus den Sechziger Jahren, Plattenbau nach Rostocker Hafenvorbild entlang der Stralauer Allee, BGW-Wohnungsbau aus den Fünfzigern und vor allem die frühen OSRAM-Werksgebäude in mustergültiger Konversion zu einer modernen Bürolandschaft, der Oberbaumcity.

Unter dem Gras drüber
Die Idee dieser Stadtteilgeschichte ist, einen Stadtteil wie eine besondere Person zu verstehen, und seine eigene Geschichte in Erinnerung zu bringen, das heißt nach ihren Spuren zu suchen, ihre nachwirksamen Zeichen zu finden und davon zu erzählen.Steine können sich nicht erinnern, aber Menschen, deren Lebensraum dieser Stadtteil gewesen war oder geworden ist. Erst wenn man die lebensnahen Gesichter und Namen und deren Geschichten kennt, wird die Geschichte eines Ortes wirklich begreifbar. Unter dem Gras drüber soll hervorgeholt werden, wie ein Stadtteil wurde, was er wurde, welche Identität er erwarb, verlor und wiedergewonnen hat zwischen der Geburt am Anfang des 20. Jahrhunderts und der Wiedergeburt am Anfang des 21. Jahrhunderts � zwischen Tradition und Neuanfang.

Zwei Identitäten
Berlin - UPPER EAST SIDE war ursprünglich der spätbesiedelte bürgerliche Appendix des Industriearbeiter-Wohnbezirks Friedrichshain, in dem � anders als sonst im Berliner Osten � eine soziale Durchmischung die vorherrschende Bewohnung darstellte. Neben dem schnell wachsenden Glühlampenwerk, entwickelte das Wohnquartier eine davon unabhängige mittelständisch, bürgerliche Identität. Die für die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts jedoch typische, eng mit dem Wiederaufbau des stark zerstörten OSRAM-Werks als Berliner Glühlampenwerk, BGW, später NARVA-Kombinat Rosa Luxemburg verknüpfte proletarische Identität änderte den Wohncharakter, begründete aber auch den Abstieg des Viertels, nachdem das NARVA-Werk 1993 endgültig geschlossen wurde, was den Verlust von mehr als 5.000 Arbeitsplätzen bedeutete. Durch das Ende des industriellen Standorts wurde allerdings auch die Konversion zum Dienstleistungszentrum der Medien- und Internetbranche unter dem Namen Oberbaum-City erst möglich.

Hallraum identitätsstiftender Erfahrung
Diese Biographie ist zu lesen als geordnete Materialsammlung aus einer betroffenen Sicht. Allein die völlig verschiedene Vor- und Nachkriegs-Identität des Viertels ohne hilflose Schuldzuweisungen darzustellen, war dem Biographen eine Herausforderung. Aber er wollte auch die Geister, die ihn riefen, zum Tanzen bringen, und sich weder fürchten, die Deformationen in der Biographie, die Verluste und Selbstlügen zu benennen, die die politische Achterbahnfahrt der Deutschen durch Kaiserreich, Weimarer Republik, Nationalsozialistisches Drittes Reich, Viermächte Welt, DDR und BRD bis in die neue Berliner Republik hinterlassen hat, noch den ganzen »Hallraum identitätsstiftender Erfahrungen«, in Sprache, Lebensläufen und Weltsicht wie vergessenes Gepäck unbeachtet stehen lassen. Zwischen den Zeilen und den Fundstücken, die mit Sammlerlust und Leidenschaft über Jahre zusammengestellt wurden, wird der Leser hoffentlich die wieder erwachte Liebe des Autors zum Wohnquartier seiner Vorfahren mitempfinden, und sein Vertrauen in die Zukunft dieser kleinen Welt im 21. Jahrhundert.

(Text mit freundlicher Genehmigung von Martin Wiebel)

East Side Story

Biographie eines Berliner Stadtteils

Verlag: Antje Lange Verlag 2004

Titelart: Bücher

Einband: paperback

Seitenzahl: 127

Art.Nr.: 9783928974028

 

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